15. Schlußbemerkungen

Dem Geistlichen (Solo-) Lied mit Begleitung (Reger) der Orgel Existenzberechtigung und Positionierung verliehen zu haben, war Aufgabe dieser Untersuchungen. Konsequent und logisch mußte es sein, auf dem Wege der Kontrastierung zu den etablierten Liedgattungen, in Abwägung der Kriterien dieser neuen Gattung – nomen est omen – den einzig sinnvollen Namen zu proklamieren, das Orgellied. Wenn dabei der Eindruck von Aufwertung-stendenzen anderer Liedgattungen (Chorlied, Kammermusiklied) entstanden ist, kann das nur förderlich für die weitere Lied-Entwicklung sein, trotz ersichtlicher Vermischungs-formen und gerade auch der uneinheitlichen musikhistorischen Beurteilung wegen. Das Orgellied hat in den etwa 150 Jahren seiner Entwicklungsgeschichte – zeitweise in Form einer Gratwanderung – allem Hoch und Tief widerstanden; als Zeichen seiner Zeit wehrte es Umbrüchen, ja es keimte in Tagen von Überwucherung, Ausufern und Explosion; gerade der Nimbus einer Berufsverbot-Taktik erreichte das Gegenteil bei den hochsensiblen, außergewöhnlich begabten Schöpferpersönlichkeiten, ohne welche das Orgellied zum Scheitern verurteilt wäre – eine wichtige Parallele zum Klavierlied. Eng mit den Wesensmerkmalen des Orgelliedes verknüpft sieht sich der dem Instrument Orgel und seinem Zielauftrag verpflichtete Komponist: Er weiß sich im Regelfall stets an die Liedkomposition gebunden, wenn es um seinen Entwicklungsweg geht; lebenslanges Lernen am Werk heißt lebenslanges Arbeiten am Lied, am Wort-Ton-Verhältnis, an Form und Gestalt, am Prinzip der Übersetzung eigener lebensbedingter Empfindungen wie Glaubensäußerungen über das Werk in den (sakralen) Raum an den Hörer. Aufschlußreich helfen oftmals Mehrfachbegabungen (Dichtung, Malerei) zur tieferen Deutung, stilistische Wandlungsprozesse eingeschlossen. Die hier aufgeschlüsselten Orgellied-Kompositionen, die zum großen Teil noch der Veröffentlichung harren, spiegeln alle Bereiche des christlichen Lebens wider. Neben den erstaunlich reichhaltigen Braut- bzw. Trauungs-Liedern bieten die Themen zum Kirchenjahr (Weihnachten, Passion, Ostern, Pfingsten, Trinitatis, Reformation) wie zum Gottesdienst und den alltäglichen Situationen (Gebet, Lobpreis, Trauer, Trost, Sterben, Ewigkeit, Liebe, Heil, Erlösung, Gnade) reiche Verwendbarkeit im kirchenmusikalischen Handeln. Das Gesamtspektrum des musikgeschichtlichen Tonmaterials von der Gregorianik bis zur Elektronik ist verarbeitet, ein Indiz mehr dafür, dem Orgellied in seiner bisher bescheidenen Randerscheinung ein neues Gewicht zu verleihen.
Ernst Ludwig Freiherr von Wolzogen (1855 – 1934), ein Freund von Richard Strauss, bekannte bereits 1913: „Diejenigen, welche heutzutage Dinge benutzen wie Telephon, Grammophon, Eisenbahn, Fahrrad, Motorrad, Ozeandampfer, Luftschiff, Flugzeug, Kinematograph und große Tageszeitungen, denken nicht daran, daß diese verschiedenen Kommunikations-, Verkehrs- und Informationsformen auch entscheidenden Einfluß auf ihre Psyche einüben.“1
Es schließt sich der Kreis: Um 1900 war es vornehmlich Max Reger, der den Zeitströmungen durch sein Orgellied ein Gegengewicht setzen wollte und mußte, heutzutage kann, sollte es mittels dieser Liedgattung – wird sie aufbereitet, gepflegt und weitergeführt – einen helfenden, heilenden Impuls für die Menschenseele des 21. Jahrhunderts ermöglichen.


1 Vgl. Cadenbach MRZ, S. 344.


© KMD Prof. Dr. Rolf Schönstedt